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Atomkraft ist Ökoenergie?

Im dritten Teil der Serie Atomenergie widmen wir uns einem der Hauptargumente der Atomkraft-Befürworter: Denn laut Lobbyisten der Atomindustrie und freundlich gesinnter Politiker wäre die Erzeugung von Kernenergie deutlich sparsamer in den CO2-Emissionen und Atomstrom damit ganz eindeutig grüner Strom.


Bestandteile unserer Atomenergie-Serie auf Energienpoint.de:


Atomkraft ist Ökoenergie?

So erklärte der damalige CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla ab 2008 vermehrt, dass Atomkraft für die CDU Ökoenergie sei. Begründet wird diese Behauptung mit einer besonders günstigen CO2-Bilanz von lediglich 6 g CO2 pro Kilowattstunde erzeugter Atomenergie – damit lässt der strahlende Strom jeden grünen Konkurrenten weit hinter sich.

Die Lüge der Lobbyisten

Ähnlich wie bei der Schönrechnung von Krebsfällen in der Umgebung von Kernkraftwerken, folgen die vorgegebenen Zahlen der Befürworter jedoch nur dem alten Spiel vom Lügen mit Statistiken: So treten statt „nur“ 29 Leukämiefällen pro tausend Kindern in der Nachbarschaft zu AKW’s bis zu 151 Leukämiefälle pro tausend Kinder auf – was allerdings gern verschwiegen wird, indem man bestimmte relevante Bereiche schlicht nicht mit in die Statistik einfließen lässt.

Gleichermaßen sind auch die Kosten und die CO2-Emissionen der AKW’s in den offiziellen Zahlen oft stark untertrieben. Lediglich 6 g CO2 pro Kilowattstunde würde ein AKW emittieren – und damit noch weitaus weniger als ein Wasserkraftwerk mit 11 g CO2 pro kWh.

Dass sich dieser Wert ausschließlich auf den Reaktorbetrieb bezieht und alle anderen Faktoren im Prozess – Erzabbau, Wiederaufbereitung, Transport und Entsorgung – außer Acht lässt, wird dabei allzu gern von den Pofallas und Posaunen des Landes verschwiegen.

Zudem geistert noch heute der Mythos durch das Land, dass Atomstrom besonders günstig sei. Die besonders hohe Energieeffizienz der Atommeiler würde bewirken, dass im Durchschnitt die Kosten pro Kilowattstunde gering gehalten würden.

Rechtfertigt die Produktion das Risiko?

Die Energieeffizienz von AKW’s liegt jedoch lediglich bei etwa 40 Prozent, ist also vergleichbar mit einem handelsüblichen Braunkohlkraftwerk. Zudem sind viele Meiler in Deutschland aufgrund ernstzunehmender Störfälle vorerst abgeschaltet und produzieren gar keinen Strom – das Strahlenrisiko besteht allerdings weiterhin.

Die geringe Energieausnutzung der AKW’s liegt einerseits an den Ausmaßen der massiven Anlagen und der sehr rohstoffintensiven Konstruktion, andererseits am hohen Aufwand für den Abbau und die Aufbereitung des Rohstoffs, dem Uranerz.

Uran ist in der Natur relativ dünn gesät und selbst das Erz aus Gebieten mit besonders reichhaltigen Vorkommen muss daher aufwändig aufbereitet und angereichert werden, bevor das spaltbare Material in den Anlagen zum Einsatz kommen kann.

Enorme Kosten und Wege – für eine strahlende Zukunft vor Ort

Dies allein verursacht enorme Kosten in den Herstellerländern, in der Regel Staaten in Afrika, weitere Kosten fallen für den gesicherten Transport nach Europa an. Zusätzlich belastet wird die Atomstrom-Bilanz durch die immensen Kosten für die Entsorgung und Endlagerung.

Zusammengenommen ergibt dies übereinstimmenden Berechnungen verschiedener Institute und Organisationen zufolge eine CO2-Bilanz von etwa 60 g CO2 pro Kilowattstunde Atomstrom – beinahe doppelt so viel wie ein Braunkohlekraftwerk, das etwa 37 g CO2 pro kWh emittiert.

Atomstrom lohnt sich immer … für die Erzeuger

Dass die Rechnung für die Betreiber von Kernkraftwerken in Deutschland aufgeht, dafür sorgten bereits vor Jahrzehnten die Verträge mit der öffentlichen Hand, die unter dem Vorwand von Energiesicherheit und Forschung wiederum der Atomindustrie nahezu freie Hand ließ: Die Industrie ihrerseits sicherte sich einen bequemen Service zum Nulltarif und sparte auch hier wieder an ganz entscheidenen Kostenpunkten – der Wiederaufbereitung verbrauchter Brennstäbe und der Entsorgung von Atommüll in den Forschungs- und Endlagern.

Neuesten Schätzungen von Greenpeace Deutschland zufolge belaufen sich die Kosten hierfür auf rund 265 Milliarden Euro seit 1961, hinzu kommen etwa 30 Milliarden Euro Steuererleichterungen für die Atomindustrie. Rechnet man diese Ausgaben auf den realen Strompreis für die Verbraucher um, steigt dieser auf beinahe 60 Cent je Kilowattstunde.

Atomstrom ist also nicht billig, die Kosten dafür werden den Menschen in Deutschland einfach nur auf verschlungenen Wegen untergejubelt.

Unkalkulierbares Langzeit-Risiko

Ein weiterer Aspekt ist die Unsicherheit der AKW’s in Deutschland. Denn mit über 4.000 Störfällen und ganz aktuell zwei beinahe-GAUs in deutschen Kernkraftwerken 2006 wird deutlich, dass die Bedrohung eines Strahlungsunfalls täglich wächst. Ähnlich wie bei einem Vulkan wächst mit jedem Tag, an dem nichts geschieht, die Wahrscheinlichkeit für einen ernsthaften Zwischenfall. Dem hält die Industrie gern entgegen, dass die Anlagen trotz langjähriger Laufzeiten auf dem neuesten Stand der Technik seien, da ständig nachgerüstet werde. Nachrüstungen sind jedoch keine Sicherheitsgarantie, denn es ist nahezu unmöglich, veraltete Anlagen auf den neuesten Stand der Technik zu bringen.

Beispiel Auto: Hierbei handelt es sich, verglichen mit einem Atomkraftwerk, um ein relativ simples technisches Gerät. Würde man jedoch versuchen, ein Auto von 1970 auf den heutigen Stand der Technik zu bringen, wäre das schlicht unmöglich: Das Modell von damals ist nämlich nicht ausgelegt für technische Innovationen unserer Zeit. Spätestens also wenn man das ABS und die Airbags einbauen möchte, stößt man auf Kompatibilitätsprobleme.

Zu guter Letzt noch eine kleine Knobelaufgabe

Die Sowjetunion testete bereits in den 80er Jahren die Sicherheit ihrer Atommeiler gegen Terrorangriffe, indem man Boeings 737 und 747 – die damals am häufigsten von den Amerikanern genutzten Flugzeugtypen – in Testanlagen krachen ließ. Das Ergebnis lautete etwa so: Eine fünf Meter dicke Betonkuppel hält einen Absturz einer Boeing 737 stand, bei einer 747 wird’s kritisch. Raten Sie einmal, wie dick die Betonkuppeln der meisten Meiler in Deutschland laut Sicherheitsauflagen sein müssen? Richtig: Etwa fünf Meter.

Was bedeutet es also für die Sicherheit unserer Atomanlagen, wenn mit dem A380 ein um 150 Tonnen schwereres Flugzeug den kleinen Konkurrenten ablöst?

Autor: Timo Essner

Quellen

  • Artikel bei Focus Online: Atomstrom ist für die CDU Ökoenergie focus.de/politik/diverses/umweltkonzept-pofalla-atomstrom-ist-fuer-die-cdu-oeko-energie_aid_313290.html 
  • AKW drei mal teurer als üblicherweise gerechnet innovations-report.de/html/berichte/energie_elektrotechnik/bericht-45982.html 
  • Liste der AKW-Störfälle in Deutschland: tagesspiegel.de/politik/deutschland/atomkraftwerke-in-deutschland/990558.html 
  • Strategie- und Schrittfolgepapier Kernenergie der CDU blog.greenpeace.de/atom-masterplan-der-cdu/