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Chronik und Kosten der Atomkraft in Deutschland

Im zweiten Teil unserer Reihe zur Atomenergie werden wir die Kosten der Atomkraft in Deutschland genauer unter die Lupe nehmen. Denn seit dem Beginn der Energienutzung aus spaltbarem Material ist nicht allein die Anzahl der Atomkraftwerke gewachsen, im gleichen Maße treten Störfälle vermehrt auf, steigen die Zahlen der an Krebs erkrankten Kinder in unmittelbarer Nähe von Atomkraftanlagen und wachsen die strahlenden Müllberge weiter an. Dabei sind zwei Kernfragen nach beinahe 50 Jahren Atomkraft in Deutschland immer noch unbeantwortet: Die Frage um eine sichere Entsorgung und vor allem die Kostenfrage.


Bestandteile unserer Atomenergie-Serie auf Energienpoint.de:


Chronik und Kosten der Atomkraft in Deutschland

Neuesten ernstzunehmenden Berechnungen zufolge wächst die Belastung für die öffentlichen Haushälter von Bund und Ländern beinahe exponentiell an – denn die Atomindustrie hatte sich bereits vor Jahrzehnten durch undurchsichtige Verträge den Sitz am längeren Hebel gesichert:

So wurden die AW-Betreiber auf der einen Seite durch weitreichende Bausubventionen und Steuererleichterungen wirtschaftlich erheblich entlastet, auf der anderen Seite sparten die Unternehmen hohe Kosten bei der Wiederaufbereitung und Entsorgung, indem man geschickt die Angst in der Bevölkerung ausnutzte: So wurden teure staatliche, sogenannte Forschungseinrichtungen ins Leben gerufen, die bereitwillig die strahlenden Abfälle der Energiekonzerne entgegen nahmen – selbstverständlich alles im Namen von Frieden und Sicherheit, ebenso selbstverständlich zum Nulltarif.

Parallel dazu wurden jahrzehntelang umfangreiche und aufwändige Werbekampagnen gefahren, die einer beunruhigten Gesellschaft wieder und wieder erklärte, wie sicher, sauber und vor allem günstig der Strom aus Atomkraft doch sei.

Realkosten für Atomkraft dreimal höher als berechnet

Eine Expertengruppe der britischen New Economics Foundation (NEF) hat dagegen eine Studie veröffentlicht, die das genaue Gegenteil belegt.

Vorsichtigen Berechnungen der NEF zufolge belaufen sich die errechneten Kosten zwischen fünf und 12 Cent pro Kilowattstunde Atomstrom. Die Autoren der Studie kritisieren dabei, dass die AKW-Betreiber lediglich die Herstellungskosten am unteren Ende ansetzen, da etwa Abbau, Anreicherung und Transport ebenso wenig in die Berechnung einfließen, wie die Entsorgung und die Risiken des Betriebs. In anderen Fällen verzögerte sich der Bau von Atomkraftwerken so lange, dass die Baukosten regelrecht explodierten: Die AKW Mirage und Oasis in England benötigten statt veranschlagten fünf ganze 23 Jahre Bauzeit und verschlangen dabei das Vierfache an Investitionen.

Eine Studie von Greenpeace Deutschland kommt in ihrer Berechnung für die Bundesrepublik auf weitaus höhere Realkosten pro Kilowattstunde Strom. Andere Studien beziffern die Kosten für den Atomstrom auf 16 Cent bis 40 Cent pro Kilowattstunde.

Die Lüge vom grünen Atomstrom

So beläuft sich die Belastung durch Atomstrom für den deutschen Steuerzahler dem Bericht zufolge auf rund 265 Milliarden Euro seit 1961, zusätzlich zu den etwa 30 Milliarden Euro Steuererleichterungen. Dadurch steigt der reale Atomstrompreis für den Steuerzahler auf beinahe 60 Cent pro Kilowattstunde!

Ein anderes Argument von Befürwortern der Atomenergie wie etwa Ronald Pofalla (CDU), Atomstrom sei besonders CO2-arm, entpuppt sich ebenso schnell als mathematische Ausschlussrechnung: Lediglich 6g CO2 würden angeblich je kWh Kernenergie emittiert – und damit immer noch weitaus weniger als etwa bei einem Wasserkraftwerk (hier: ca. 11g CO2 je kWh). Dieser Wert bezieht sich jedoch allein auf den Reaktorbetrieb; bezieht man alle Produktionsfaktoren von der Mine bis zum Endlager realistisch mit ein, kommt man schnell auf Werte von 60 g CO2 je kWh – damit emittiert Atomstrom noch weitaus mehr Kohlendioxid als etwa ein Braunkohlekraftwerk.

Ein weiterer Aspekt ist, dass durch die jahrzehntelang versteckten Subventionen der Atomkraft in Deutschland die Erforschung neuer Technologien behindert wird, da die Forschungsgelder fehlen, von den Gefahren eines Unfalls einmal ganz abgsehen. Mit anderen Worten und überspitzt ausgedrückt bedeutet dies, dass die öffentliche Hand jahrzehntelang einen flohverseuchten Köter füttert, der eben jene Hand eines Tages ganz fies beißen wird.

Über 4.000 Störfälle seit 1961

Einer der vermutlich schlimmsten Zwischenfälle ereignete sich etwa am 14. Dezember 2001 im AKW Brunsbüttel, als eine „spontane Deckungsleckage“ (= liest sich: explodierte Leitung) eine Schnellabschaltung erzwang. Die meisten Störfälle wurden der Kategorie „N“ hinzugeordnet und waren somit unbedenklich.

Doch erst als im Juni bis August 2006 drei beinahe-GAUs in den Vattenfall-Werken Forsmark, Brunsbüttel und Krümmel bekannt wurden, wurden Politik und Bevölkerung aufgeschreckt und die öffentliche Diskussion forderte Taten und Aufklärung.

Der Asse-Skandal ist vorerst der Gipfel in einer Reihe jüngerer Skandale um die Atomkraft in Deutschland; mit dem Bekanntwerden um gefälschte oder genauer: frei erfundener Sicherheitsanalysen zum Standort Gorleben ist auch der berühmte Salzstock wieder in aller Munde. Während es eng wird für die politischen Verantwortlichen, wird auch die Frage um die Verursacher der Abfälle immer lauter.

Reaktorunfälle

Atomhandel zu Nullkosten unterm Feigenblatt der Forschung

Die eingelagerten Abfälle in der Asse stammen dabei aus mindestens neun deutschen Atomkraftwerken, die bequemerweise ihren Strahlungsmüll zum Nulltarif in der Asse als „Forschungsmaterial“ verklappen konnten – natürlich wiederum getragen von deutschen Steuergeldern. Denn bis 1976 mussten die AKW-Betreiber keinen Pfennig für die Einlagerung des Atommülls in der Asse bezahlen. Darüber hinaus konnte der Müll auch auf Umwegen geschickt an die Asse verschickt werden: Denn im Namen der Wissenschaft übernahm das Kernforschungszentrum in Karlsruhe die Entsorgung.

Kusshand für Kernkraft

Im Rahmen von Geheimverträgen konnten die AKW-Betreiber ihre verbrauchten Brennstäbe im Kernforschungszentrum Karlsruhe abliefern, wo sie wiederaufbereitetet und zurück an die AKW geschickt wurden. Der dabei entstandene schwach bis stark radioaktive Abfall wurde von Karlsruhe aus direkt an die Asse weitergeleitet und entsorgt. Für den gesamten Prozess von Ver- bis Entsorgung musste die Atomindustrie jahrelang keinerlei Gebühren bezahlen!

Kosten für Asse und Co.

Experten von Greenpeace und neuerdings sogar der Betreiber der Asse, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS), selbst warnen unterdes, dass die Grenzwerte von radioaktiver Kontamination in der Asse bereits um 800 Prozent überschritten sind, radioaktive Lauge und Wasser treten aus dem Berg aus – etwa in Form von Quellwasser, das ahnungslose Wanderer und Schulklassen über Jahrzehnte bei Berggängen zur Erfrischung tranken.

Die Kosten für die Dekontamination und Sanierung der Asse werden auf etwa vier Milliarden Euro geschätzt, die Atomindustrie beteiligt sich gerade einmal mit 8,5 Millionen Euro – den Restanteil von gut 99,79 Prozent der Kosten trägt der Staat, mit anderen Worten: der Steuerzahler. Diese Kosten müssen natürlich ebenso in die realen Strompreise eingerechnet werden, wie die Gefahren eines Super-GAUs – die Kosten hierfür würden sich laut einer Studie über die möglichen Auswirkungen einer Kernschmelze im AKW Biblis II auf rund fünf Billionen Euro belaufen.

Den Blick nach vorn

Angesichts über viertausend Störfälle seit 1961 drängt sich da die Frage auf, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass morgen ein Super-GAU passiert. Dabei wären selbst die immensen finanziellen Kosten noch ein geringer Preis im Vergleich zu den unberechenbaren Schäden für Mensch und Umwelt. Vielleicht ist es an der Zeit, die Realkosten in Realgewinne umzuwandeln und die Gelder statt in Atomstrom-Subventionen in die Erforschung neuer, langfristig sinnvoller, wirklich sicherer und nachhaltiger Energieformen zu investieren, das Kapitel Atomstrom für Deutschland zu beenden und die kriminellen Verträge mit der Atomindustrie für ungültig zu erklären, damit die Nutznießer der nachweislichen Verseuchung in Deutschland endlich an den Kosten für Rückbau, Dekontamination und sichere Endlagerung umfassend beteiligt werden.

Nachdem sich die Bevölkerung seit rund 50 Jahren größtenteils darüber einig ist, dass das Betreiben von Atomkraftwerken mit einem Tanz auf dem Vulkan gleichzusetzen ist, macht sich auch schon ein Umdenken in der Politik bemerkbar:

Das Totschlagargument der Energiesicherheit wird angesichts von rund 40 Prozent Überschussproduktion immer seltener herangezogen, der Tonfall im Umgang mit der Atomindustrie wird strenger und es gibt einen deutlichen Trend hin zum Ausbau einer bundesweiten Infrastruktur aus erneuerbaren Energien. Bleibt nur zu hoffen, dass bis zum Atomausstieg und der endgültigen Stillegung der letzten Anlage nicht doch noch etwas pass…

Autor: Timo Essner

Quellen:

  • AKW drei mal teurer als üblicherweise gerechnet
  • innovations-report.de/html/berichte/energie_elektrotechnik/bericht-45982.html
  • Artikel im Tagesspiegel: „Riesengeschäft mit der Atomkraft“
  • tagesspiegel.de/wirtschaft/unternehmen/riesengeschaeft-mit-der-atomkraft/1269098.html
  • Statistik auf Kernenergie.de: „Kernkraftwerke in Deutschland“ kernenergie.de/kernenergie/Themen/Kernkraftwerke/Kernkraftwerke_in_Deutschland/
  • Zusammenfassung der Atomenergie-Politik in Daten, Zahlen und Fakten eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=514&Itemid=26
  • Zusammenfassung der Atomenergie-Politik in Daten, Zahlen und Fakten  agenda21-treffpunkt.de/daten/Atomenergie.htm
  • Bericht von Greenpeace Deutschland zum Endlager Asse greenpeace.de/fileadmin/gpd/user_upload/themen/atomkraft/FSSubventionen_der_Atomkraft.pdf
  • Fragen und Antworten zur Asse auf der Homepage der Asse endlager-asse.de/cln_103/sid_310A8D8303EE5CF14DD0FF170FE96ABC/DE/4_WasWird/B_Optionenvergleich/8_fragen_und_antworten/fragen_und_antworten.html
  • Bericht des Umweltinstituts München: „Größter bekannt gewordener Störfall in Deutschland“ umweltinstitut.org/radioaktivitat/katastrophenschutz/brunsbuttel-groster-storfall-in-deutschland-103.html
  • Artikel im Tagesspiegel: Anzahl der AKW-Störfälle in Deutschland: tagesspiegel.de/politik/deutschland/atomkraftwerke-in-deutschland/990558.html