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Recycling der besonderen Art

Im vierten Teil der Reihe Atomkraft gehen wir der Frage nach, wie hoch die Gefahr ist, die von der Atomkraft und sonstiger Nutzung von spaltbarem Material für die allgemeine Bevölkerung ausgeht. Dabei wird schnell deutlich, dass die Belastung weitaus höher ist, als mit natürlicher Hintergrundstrahlung zu erklären wäre. Die Katastrophe von Fukushima im Jahre 2011 in Japan führte in vielen Ländern zum Glück zum Umdenken.


Bestandteile unserer Atomenergie-Serie auf Energienpoint.de:

 


Recycling der besonderen Art: Radioaktives Trinkwasser

Pro Jahr ereignen sich durchschnittlich etwa 130 Störfälle in deutschen Atomkraftwerken – kumuliert über alle Meldekategorien. Bei der gesamten Laufzeit von etwa 49 Jahren ergibt dies etwa 6.370 Störfälle. Davon waren über 1300 Störfälle kritischer Natur, hätten also außer Kontrolle geraten und eine Kernschmelze verursachen können. 

Tschernobyl und die Folgen

Als am 26. April 1986 das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte, wurden etwa zwei Tonnen spaltbares Material in die Atmosphäre geschleudert und regneten als Folge in Form von nuklearem Fallout über Nordeuropa nieder. Zu dem Zeitpunkt waren die Flüsse Prypjat und Dnepr, die von der Ukraine und Weißrussland übers Schwarze Meer ins Mittelmeer fließen, bereits hochgradig kontaminiert. Hinzu kommt die Strahlenbelastung durch nuklearen Fallout von amerikanischen Kernwaffeneinsätzen in Hiroshima und Nagasaki sowie durch taktische Mini-Nukes etwa in Afghanistan und die zahlreichen oberirdischen Kernwaffentests des kalten Krieges. Dies ist relativ deutlich anhand der Konzentration künstlicher Radionukleide Strontium-90 und Cäsium-137 nachweisbar.

Tricastin – ein allein französisches Problem?

An der malerischen Rhône im südlichen Frankreich gelegen, steht die weltweit größte Kernkraftanlage Tricastin mit vier riesigen Meilern, die jährlich eine Nettogesamtleistung von etwa 3,66 Gigawattstunden erbringen. 

Zusätzlich werden an der Rhône weitere 13 Atomkraftwerke betrieben, der Fluss speist die Anlagen mit Kühlwasser. Dabei gerät immer wieder Treibholz in die Ansauganlagen, was entsprechend zu Störfällen führt. Doch damit ist es noch nicht getan:

Tricastin ist über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt für eine ganze Reihe von Pannen, Störfällen und Beinahe-GAUs seit der Inbetriebnahme 1980. Kurz nach der Inbetriebnahme ereignete sich bereits der erste gravierende Unfall, als ein Leitungsrohr mit radioaktivem Abwasser platzte. Das Wasser der Rhône wird dabei von den Kernkraftwerken so intensiv genutzt, dass die natürliche Temperatur von 15-20 Grad mitunter auf über 30 Grad Celsius ansteigt. Zudem weist das Wasser der Rhône heute eine hundertfach höhere Konzentration an Uran auf, als zugelassen. Die Anzahl deformierter Amphibien und anderer Tiere ist an der Rhône ebenso verdächtig häufig wie die Anzahl der multiplen Krebsarten bei Anwohnern und Leukämiefällen bei Kindern. 

Dabei werden zwei Drittel der produzierten Energie allein von der Urananreicherungsanlage Eurodif verbraucht. Und auch Eurodif ist für gefährliche Störfälle bekannt: So traten im Juli 2008 große Mengen einer radioaktiven Flüssigkeit in die Umgebung aus. Umweltschützer haben Messungen in ganz Südfrankreich angestrengt und damit nachweisen können, dass weite Teile des Umlandes der Rhône praktisch für unbewohnbar erklärt werden müssten.

Uran im Trinkwasser

Leider liegt dieses Problem auch in Deutschland direkt vor der Haustür: Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Sachsen-Anhalt – in einer ganzen Reihe Bundesländern im Osten, Südosten und Süden der Republik wurden wiederholt erhöhte Messwerte von Uran, Cäsium oder Tritium im Trinkwasser gemessen.

Dabei gilt in Deutschland beispielsweise für Uran, das auch natürlich vorkommt und daher beinahe immer in verschwindend geringen Anteilen enthalten ist, ein Richtwert von 10 Mikrogramm. Dieser gilt zwar nicht als gesetzlicher Grenzwert, doch laut §6 Abs. 1 der Trinkwasserverordnung darf das Trinkwasser keinen Anlass für eine gesundheitliche Bedrohung darstellen – das ist sicherlich bürokratische Heißer-Brei-Schleicherei, aber nichtsdestoweniger eindeutig: Mehr als 10 Mikrogramm Uran pro Liter sind schlichtweg schädlich. Der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. misst regelmäßig in der Nähe von Atomkraftwerken die Belastung des Trink- und Oberflächenwassers mit Tritium und schlägt ebenso regelmäßig Alarm beim Bundesumweltministerium.

Doch das Bundesgesundheitsministerium beruhigt: Im August 2008 ließ man verlauten, man habe mit den Vorarbeiten für einen Entwurf einer Trinkwasser-Richtlinienverordnung auf europäischer Ebene begonnen. An dieser Stelle wäre ein Zitat von Atze Schröder trefflich angebracht: „Ja, nee, is klar.“

Sogar bei kommerziell vertriebenen Mineralwässern wurden wiederholt überschrittene Grenzwerte von 3 bis zu 7,6 Mikrogramm pro Liter gemessen. Da dieses Wasser insbesondere für Babies und Kleinkinder verträglich sein muss, darf bei einem Mineralwasser ein gesetzlicher Grenzwert von zwei Mikrogramm pro Liter nicht überschritten werden. Das natürlich enthaltene Uran ist dabei glücklicherweise relativ strahlungsarm, weist jedoch als giftiges Schwermetall eine besonders hohe Toxikologie auf die inneren Organe auf, wobei besonders die Entgiftungsorgane wie etwa die Nieren schnell angegriffen werden.

Radioaktive Wildschweine

Obwohl der Super-GAU in Tschernobyl über zwanzig Jahre zurück liegt und das damals freigesetzte Cäsium-137 lediglich eine Halbwertzeit von rund 30 Jahren hat, sind die Folgen der Katastrophe noch heute deutlich zu spüren. Die Auswirkungen nehmen dabei teilweise bizarre, fast satirische Züge an: So wurde 2003 sowie 2008 aus Baden-Württemberg vermeldet, dass wieder vermehrt radioaktiv belastete Wildschweine auftauchen, die erhöhte Cäsium-Werte aufweisen.

Angesichts solcher Phänomene wie Bioakkumulation fragt sich vermutlich so mancher, wie hoch wohl die Belastung im eigenen Körper sein mag. Und wie schädlich die Kontamination ist. Und ob die Atomindustrie für eventuelle Spätschäden aufkommen würde.

Autor: Timo Essner

Sehen Sie dazu auch:

  • Bericht von Report München zu Uran im Trinkwasser youtube.com/watch?v=wWyG_89jx0c
  • Mineralwasser-Test von Markt im Dritten youtube.com/watch?v=t2Nhch79gxQ

Quellen

  • Schwarzbuch Vattenfall bund.net/fileadmin/bundnet/publikationen/atomkraft/20070712_atomkraft_vattenfall_analyse.pdf
  • Offizielle Stellungnahme zu wichtigen Fragen im Zusammenhang mit Tschernobyl chernobyl.info/resources/InterviewKiewD.pdf
  • Artikel im Schweizer „Bund“: Boden mit radioaktiven Stoffen belastet derbund.ch/bern/Boden-mit-radioaktiven-Stoffen-belastet/story/30499823
  • Wildschweine in BW sind mit erhöhtem Cäsium-Werten belastet landesarchiv-bw.de/plink/?f=1-638372
  • Umweltdaten 2009 des LUBW, Kapitel 11: Radioaktivität lubw.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/59044/11radioaktivitaet.pdf?command=downloadContent&filename=11radioaktivitaet.pdf
  • Bundesamt für Strahlenschutz: FAQ zu ionisierender Strahlung bfs.de/de/ion/faq/faq_istrahlung.html/printversion
  • Artikel bei T.Online: Mitarbeiter in Uranfabrik radioaktiv verstrahlt nachrichten.t-online.de/nordrhein-westfalen-mitarbeiter-einer-uranfabrik-radioaktiv-verstrahlt/id_21459882/index
  • A Brief Chronology of Radiation and Protection roadtechs.com/rpchron.htm
  • Kriterien für meldepflichtige Ereignisse in Kernkraftwerken gesetze-im-internet.de/atsmv/anlage_1_21.html
  • VSR Gewässerschutz zu Tritiumbelastung vsr-gewaesserschutz.de/21.html
  • BBU-Projekt Gewässerbelastung durch Tritium bbu-online.de/Kampagnen/Tritium.htm
  • Kontamination nach der Katastrophe in Tschernobyl tschernobylkinder.ch/region/kontaminierung/
  • Artikel im Abendblatt zu Tricastin abendblatt.de/vermischtes/article1293048/Wasserleitung-im-Kuehlsystem-verstopft-Atommeiler-vom-Netz.html
  • Bericht des Westens zu Tricastin derwesten.de/nachrichten/politik/Frankreich-will-Laufzeit-fuer-Alt-Atommeiler-verlaengern-id17214.html
  • Bericht von T.Online zu Tricastin nachrichten.t-online.de/frankreich-oel-aus-atommeiler-fliesst-in-die-rh-ne/id_16922852/index