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Schwarzmarkt für Atomkraft

Im fünften Teil der Reihe Atomenergie wollen wir der Frage auf den Grund gehen, wo der Abfall aus den Atomkraftwerken landet, der in den Endlagern und Statistiken oft fehlt. Denn der Kreislauf aller industriell genutzten strahlenden Substanzen ist bei weitem nicht lückenlos:
 
 So wurde in einer Studie der IAEA bereits 1998 vermutet, dass jährlich etwa 2,6 Kilogramm waffenfähiges Material auf dem globalen Schwarzmarkt gehandelt werden – Restbestände aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, aber auch Diebesgut aus Universitäten, Labors oder sogar Anlagen der Atomindustrie weltweit. Hinzu kommen weitere krasse Fälle der organisierten Kriminalität, die beweisen, dass sich viele Menschen im Umgang mit nuklearem Material leider nicht im vollen Ausmaß der damit verbundenen Gefahren bewusst sind und für die billige Entsorgung weitreichende Schäden für Mensch und Umwelt billigend in Kauf nehmen.


Bestandteile unserer Atomenergie-Serie auf Energienpoint.de:

 


Schwarzmarkt für Atome

Es ist der 4. Februar 1958. Während eines Flugmanövers der US Airforce über dem Atlantik begeht der Pilot einer amerikanischen B-47 einen schweren Fehler: Versehentlich löst er über Tybee Island den Abwurf einer der ersten Wasserstoffbomben aus, allerdings ohne die Bombe scharf zu stellen: Der Sprengkörper versinkt im Ozean und mit ihm rund 3,5 Kilogramm Plutonium. Bis heute ist es nicht gelungen, den Standpunkt der Bombe zu ermitteln.

Den Finger in die Steckdose

Seit dem Beginn des atomaren Zeitalters zieht sich ein roter Faden von Unfällen mit unvorhersehbaren aber weitreichenden Konsequenzen durch die Geschichte des menschlichen Umgangs mit strahlendem Material, nahezu jede Erkenntnis über nukleare Strahlung und deren Nutzung war stets verknüpft mit der Erkenntnis, soeben einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben:

Conrad Röntgen und das Ehepaar Curie bezahlten ihre Forschungen an strahlenden Substanzen gleichermaßen mit Krebsleiden und frühem Tod, unter- und überirdische Test der Amerikaner, Sowjets, Franzosen und anderer Nationen haben bis heute ganze Landstriche und Bevölkerungsgruppen, Teile der Weltmeere und der Atmosphäre für Jahrtausende nuklear verseucht.

Von der gezielten Freisetzung von radioaktiver Strahlung in Hiroshima und Nagasaki bis hin zu verheerenden Unfällen wie in Tschernobyl gilt dabei nahezu immer für Forschung mit radioaktiven Substanzen, dass die Nachteile die Vorteile bei weitem überwiegen – nicht zuletzt für die Zivilbevölkerung und die gesamte Biosphäre der Erde.

Der Handel mit radioaktivem Material – lückenlose Kontrollen?

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion stand die Welt vor einem neuen Problem: Denn Jahrzehnte der Wettrüstung hatten weltweit eine gigantische Atomindustrie geschaffen – sowohl zivil als auch und in erster Linie militärisch, und dementsprechend einen riesigen Markt.

Ehemalige Militärs aus den Sowjetrepubliken gelten als eine der wichtigsten Quellen für den militärischen Schwarzmarkt, von konventionellen Waffen bis hin zu Atomsprengköpfen. So verschwanden aus den vor sich hinrostenden russischen Arsenalen im Laufe der unruhigen 1990er Jahre eine unbestimmte Menge waffenfähigen Materials – das vermutlich in China, Nordkorea, Pakistan oder Iran gelandet ist.

Darüber hinaus befinden sich die größten Produzenten für Uran oder Plutonium in politisch recht unruhigen Regionen – etwa in Afrika. Es ist daher nahezu unmöglich, von der Förderung über die Gewinnung, Anreicherung, den Transport und Entsorgung einen lückenlosen Nachweis über jedes Gramm Uran oder Plutonium zu führen.

Uran und Plutonium „verschwinden“

Unglücklicherweise ist allerdings nicht von einigen Gramm die Sprache, sondern laut IAEA eine Menge von etwa jährlich 2,6 Kilogramm waffenfähigem Material, das weltweit im gesicherten Handel und Transport verschwindet. 

Die Meldungen über unauffindbares radioaktives Material sind dabei beängstigend häufig und es wird teilweise von enormen Mengen berichtet:

Zehn Kilo hier, acht Kilo dort …

So meldete die Agence France Presse (afp) 2003, dass aus der irakischen Atomanlage Tuwaitha rund zehn Kilogramm Uran verschwunden seien. Laut IAEA hätten Plünderer das Material, das angeblich nicht zum Bau von Atomwaffen geeignet sei, nach dem Sturz von Saddam Hussein aus der Anlage fortgeschafft.

2007 vermeldeten staatliche chinesische Nachrichtenagenturen, dass in der Stadt Guangzhou vier Männer inhaftiert wurden, die zwischen 2005 und 2007 acht Kilogramm waffenfähiges Uran auf dem Schwarzmarkt zum Kauf angeboten hatten. Nach Angaben der Behörden fehlt von dem Uran bis heute jede Spur.

Wie das Handelsblatt 2001 vermeldete, verschwanden 1998 in Italien acht Uranbrennstäbe aus einer Lieferung der USA an Zaire: Ermittlern des italienischen Geheimdienstes gelang es, einen der Brennstäbe von der sizilianischen Mafia zu kaufen und so einige wichtige Verurteilungen im Milieu zu erreichen; die restlichen sieben Brennstäbe verblieben unauffindbar.

Die argentinische Atombehörde CNEA lieferte 1961-62 drei Ladungen Uran nach Israel, das angeblich für Teheran bestimmt war – die Lieferungen von insgesamt 100 Tonnen erreichten niemals ihr Ziel. In diesem Fall gehen Experten jedoch davon aus, dass jene 100 Tonnen Uran in der israelischen Atomanreicherungsanlage in Dimona landeten. Hier baut Israel seit Anfang der 1960er Jahre an seinem Atomprogramm, das 1967 durch den Ingenieur Mordechai Vanunu publik gemacht wurde.

Wer weiß, wer will – wohin mit dem Müll?

Neben dem Handel auf dem Schwarzmarkt zu militärischen Zwecken – wobei Experten am meisten den Missbrauch in Form einer schmutzigen Bombe durch fanatische Gruppierungen fürchten – besteht allerdings ein ganz handfestes Problem, das aus der zivilen Nutzung herrührt:

Denn das weitaus größte Problem ist der Abfall aus der zivilen Nutzung zur Energiegewinnung: Weltweit stehen 473 Reaktoren, die jährlich enorme Mengen an radioaktivem Abfall von der Gewinnung und Anreicherung bis zur Wiederaufbereitung und Entsorgung verbrauchter Brennstäbe.

Die Entsorgung birgt zwei wesentliche Probleme: Erstens möchte niemand in der Nähe einer Endlagerstätte wohnen. Zweitens ist die Einlagerung von radioaktivem Material überaus teuer, eine sichere Endlagerung ist nicht bekannt, wodurch sich langfristig weitere Kosten durch eine Umlagerung ergeben.

Die Atomindustrie in Europa hat schnell mit dem Totschlagargument der Energiesicherheit die politischen Führungen der Staaten dazu bewegt, für den Bau und Betrieb von Kernkraftwerken weitreichende Hilfen und Vergünstigungen anzubieten.

Speziell in Frankreich und Deutschland entstanden so mächtige Atomlobbies, dass man bald angesichts der Stromkartelle machtlos vom „Staat im Staate“ sprach: Die Endlagerstätten wurden mittels gefälschter oder frei erfundener Gutachten für sicher erklärt, die unangenehmen Kosten für Wiederaufbereitung, Entsorgung und Endlagerung der 450 Tonnen Atommüll, die jährlich in Deutschland erzeugt werden. In Gorleben, Asse und Conrad lagern heute rund 120000 Kubikmeter Atommüll.

Deutsche Firmen lagern Atommüll unter freiem Himmel

Wie im Oktober 2009 bekannt wurde, kümmern sich die Verursacher auf ihre ganz besondere Weise um die Entsorgung. So hat das Betreiber-Unternehmen der Urananreicherungsanlage in Gronau, Urenco, sowie die Konzerne RWE und Siemens mehrere tausend Tonnen abgereichertes Uran nach Sewersk in Russland nach internationalen Standards entsorgt:

Die Fässer mit schwach strahlendem Abfall aus dem Anreicherungsprozess stehen im sibirischen Sewersk unter freiem Himmel und sind dort der Erosion durch Wettereinflüsse und Rost ausgesetzt. Und damit nicht genug: Russische Umweltschützer warnen wiederholt, dass regelmäßig Fässer aus der Anlage spurlos verschwinden.

Die Mafia und das Mittelmeer

Beinahe sarkastisch möchte man sagen, dass sich die deutschen Firmen damit noch vorbildlich verhalten: Denn was sich seit Mitte der Achtziger Jahre in Italien abspielt, liest sich wie ein Kriminalroman:

Dezember 1990. Es ist eine stürmische Nacht, als die „Jolly Rosso“ an die Küste Kalabriens gespült wird. Die Ladung: unbekannt. Doch hastig waren Unbekannte damals bemüht, die Ladung zu bergen und fortzuschaffen. Laut dem Mafia-Insider, -Aussteiger und Kronzeugen Francesco Fonti handelte es sich bei der Ladung um Gift- oder Atommüll.

Über 32 Schiffe hat die berüchtigte ’Ndrangheta zwischen 1986 und 2003 laut Fonti im Tyrrhenischen Meer, in der Adria und im Ionischen Meer versenkt. Teilweise wurde die gefährliche Ladung bis ans Horn von Afrika verbracht, bevor sie dort mit Hilfe von Sprengladungen versenkt wurden, teilweise hatte man die Abfälle aus italienischen und französischen Atomkraftwerken an Land verscharrt, in Somalia beispielsweise war es besonders günstig. Fonti selbst habe laut eigenen Angaben ein solches Schiff mit rund 120 Fässern versenkt und dafür 6000 EUR kassiert.

Das Problem ist den italienischen Behörden nicht unbekannt, doch die Mafia war zu mächtig, die Bürokratie zu faul oder unfähig: Obwohl Greenpeace Italien bereits 1997 ein Dossier aus eigenen Mitteln erstellte und nachweisen konnte, dass an der Kalabrischen Küste eine deutliche, verdächtige Häufung von Krebserkrankungen bei Küstenbewohnern und missgebildeten Meerestieren zu verzeichnen ist, geschah lange Zeit verdächtig wenig.

Im September 2009 wurden endlich die ersten Wracks gefunden. In Zusammenarbeit mit Bruno Giordano von der italienischen Staatsanwaltschaft konnten bislang etwa ein halbes Dutzend Schiffe ausfindig gemacht werden, andere jedoch wurden nicht an den angegebenen Stellen im Meer aufgefunden; man vermutet, dass die Wracks zwischenzeitlich durch die Strömung abgetrieben oder mit Sand bedeckt wurden.

Die Entsorgung der aufgefundenen Fässer mit Atommüll gestaltet sich derweil schwierig. Die geschätzten Kosten für die Bergung aus über 500 Metern Tiefe und die ordnungsgemäße Endlagerung gehen in die Milliarden.

Die USA, die NATO und Uranmunition

Bei der Frage um die Atomkraft kommt man um die militärische Nutzung nicht vorbei – nicht einmal, wenn es um den strahlenden Abfall aus der zivilen Nutzung zur Energiegewinnung handelt.

In den USA überlegten Wissenschaftler in den 1970er Jahren intensiv, wie man den anfallenden Atommüll aus den Kernkraftwerken, dem Atomprogramm und der Anreicherung bewältigen sollte. Gleichzeitig forschten Waffenhersteller an panzerbrechender Munition. Einige besonders skrupellose Forscher kamen zu dem Schluss, dass abgereichertes Uran hervorragende Eigenschaften zur Herstellung von besonders harten Projektilen hat. Außerdem entsteht beim Abfeuern der Munition – ganz gleich, ob Handfeuerwaffe oder Panzergranate – ein ionisierender Effekt durch die Verpuffung von Uran bei hoher Luftreibung, wodurch die Munition einen verheerenden Strahl aus brennenden Uranionen nach sich zieht.

Laut Schätzungen von Amnesty International – teilweise basierend auf offiziell herausgegebenen Zahlen seitens der NATO und des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums – werden in weltweiten Krisengebieten durch US- und NATO-Truppen rund sechs Millionen Schuss Munition aus abgereichertem Uran verschossen. So wurde die sogenannte „depleted uranium“ (DU) Munition im Bosnien-Konflikt, dem NATO-Einsatz in Somalia, im Irakkrieg und in Afghanistan eingesetzt.

Im letzten Irak-Krieg wurde die DU-Munition in so hohem Maße eingesetzt, dass viele britische Soldaten heute an ungewöhnlichen multiplen Krebsleiden sterben, ihre Frauen missgebildete Kinder zur Welt bringen oder gar selbst an Krebs erkranken. In Großbritannien ist das Phänomen so häufig, dass man bereits vom Irakkriegs-Syndrom spricht.

Hinzu kommt der Einsatz von sogenannten Mini-Nukes, tragbaren Atomsprengkörpern, und der Einsatz von abgereichertem Uran in anderer Form, etwa in den Tragflächen der B-52 Stealth Bomber.

Die Entsorgung des Atommülls wird die Menschheit noch viele hundert Jahre beschäftigen – denn nach wie vor ist keine sichere Lösung für die vielfältigen Probleme der Atomindustrie gefunden. Dabei müssen wir uns vielleicht nicht allein um unsere eigenen Sünden in den Atomlagern Gorleben, Asse, Conrad, Wismut, Braunschweig, Karlsruhe und weiteren Sorgen machen.

Täglich wächst die Gefahr einer weltweiten atomaren Verseuchung durch einen der über 400 Atommeiler, täglich wachsen die strahlenden Müllberge und bedrohen uns die Verseuchung von Luft, Land und Wasser durch einen nuklearen Unfall – von der Gefahr einer schmutzigen Bombe in London, New York oder Berlin ganz abgesehen.

Autor: Timo Essner

Quellen

  • Waffenfähiges Uran in China verschwunden shortnews.de/id/679914/China-Waffentaugliches-Uran-verschwunden
  • Sieben Uran-Brennstäbe in Italien verschwunden handelsblatt.com/archiv/bericht-sieben-uran-brennstaebe-in-italien-verschwunden;475621
  • 100 Tonnen Uran in Israel verschwunden saarbreaker.com/2009/03/100-tonnen-argentinisches-uran-in-israel-verschwunden/
  • Verschollener iranischer Forscher spiegel.de/politik/ausland/0,1518,654087,00.html
  • „Die Uranjäger“ reporter-forum.de/index.php?id=117&tx_rfartikel_pi1[showUid]=380&cHash=0798b110c9
  • Deutsche Firmen lagern Atommüll unter freiem Himmel sueddeutsche.de/politik/795/491165/text/
  • Strahlendes Vermächtnis: Die Wismut SDAG mdr.de/barbarossa/4121048.html#absatz2
  • 120 Fässer Atommüll von Mafia im Mittelmeer versenkt spiegel.de/panorama/0,1518,648978,00.html
  • Insider berichtet von Entsorgung von Atommüll durch die Mafia tagesspiegel.de/weltspiegel/mafia-soll-atommuell-ins-meer-gekippt-haben/1603626.html 
  • Mafia soll über 30 Schiffe mit Atommüll versenkt haben nachrichten.t-online.de/italien-kalabrien-wrack-mit-atommuell-im-mittelmeer-entdeckt/id_19960524/index ksta.de/html/artikel/1246883932480.shtml 
  • SWR cont.ra zu Atommüll im Mittelmeer ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=3288930 
  • Jährlich etwa 450 Tonnen Atommüll in Deutschland innovations-report.de/html/berichte/umwelt_naturschutz/bericht-10795.html